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Deutschland, einig Vaterland?

Deutschland ist das Land der Dichter und Denker! Das Deutschland, so wie wir es heute kennen, blickt auf eine knapp 70-jährige Geschichte zurück. Die Bundesrepublik Deutschland wurde mit Grundgesetz und allem Pi-Pa-Po, der dazu gehört, 1949 gegründet.

Wir haben in der Zeit verdammt viel geschafft, aber auch verdammt viel mitmachen müssen. Auf den Trümmern des 2. Weltkrieges haben wir, vornehmlich unsere Eltern und Großeltern, das Land wiederaufgebaut. Wir erlebten das Wirtschaftswunder, mussten den RAF-Terror erleiden und unsere Mitbürger im Osten der Republik schafften es tatsächlich, mit einem der ganz wenigen unblutigen Aufstände ein totalitäres Regime zu stürzen. Wir mussten in den frühen 90ern auch Mölln, Solingen und Lichtenhagen ertragen.

All das haben wir erlebt, überlebt und abgeschüttelt. 2003 zeigten wir uns mit in einer bis dato unbekannten Spenden- und Hilfsbereitschaft solidarisch mit den Menschen in den neuen Bundesländern, die von der Flutkatastrophe um ihr Hab und Gut gebracht wurden und vor dem Nichts standen. Egal, wie sehr wir vom Schicksal begünstigt oder gebeutelt wurden, wir standen in letzter Konsequenz am Ende immer zusammen und waren irgendwie für einander da.

Bis, ja, bis wann? Den genauen Zeitpunkt, an dem sich unsere Gesellschaft gespalten hat, kann man nicht nennen. Fakt ist, dass sie es heute ist und der Riss wird immer tiefer und breiter. Bis vor einiger Zeit war es vollkommend ausreichend, wenn man sich gegenseitig Argumente an den virtuellen Kopf gehauen hat. Heute wird jedes kleinere oder größere Ereignis genutzt, um die damaligen Argumente zu untermauern.

Gestern ist in Münster ein Auto in eine Menschenmenge gefahren. Kaum waren die ersten Meldungen darüber im Netz, begann die übliche und allseits bekannte Instrumentalisierung dieser Tat. Zwei Stunden später war klar, dass der Täter weder Muslim war noch einen Migrationshintergrund hatte. Und schon wurde diese Tatsache von der anderen Seite instrumentalisiert. Das Verbrechen und die Opfer an sich geraten dabei völlig in den Hintergrund. Es wurde erst von der einen Seite gehetzt, gepöbelt und polemisiert und anschließend machte es die andere Seite nicht besser. Als ob es in einem solchen Moment, unter dem unmittelbaren Eindruck der Ereignisse, nichts Wichtigeres gäbe als die Nationalität, die Herkunft oder die Religionszugehörigkeit des Täters.

Diese Schlammschlacht, die sich Rechte und Linke, besorgte Bürger und Gutmenschen, Neo-Nazis und Antifanten in den sozialen Medien liefern, ist einfach unwürdig, menschenverachtend und tritt die Trauer der Hinterbliebenen und die Traumabewältigung der verletzten Opfer schlicht mit Füßen. Man möge sich bitte noch einmal die ersten drei Absätze dieses Artikels durchlesen und sich dann fragen, wann wir diesen Pfad eigentlich verlassen haben.

Und wenn man neben der ganzen geheuchelten Anteilnahme, tiefen Trauer und Bestürzung noch Zeit für was anderes findet, sollte man sich schämen, dass man es soweit hat kommen lassen.

Nachtrag: Natürlich darf man bei aller Schwarzmalerei nicht die unzähligen Menschen aus Münster vergessen, die sofort alles stehen und liegen gelassen haben und dem Blutspendeaufruf der Krankenhäuser nachgekommen sind. Das zeigt, dass es immer noch sehr viele uneigennützige und empathische Menschen bei uns gibt.

Published inZeitgeschehen