Zum Inhalt

Europa – es reicht!

Was zum Teufel geht eigentlich in den Köpfen der Regierenden in Europas Hauptstädten ab? Merkt da eigentlich noch irgendjemand was? Vereinzelt blitzt hier und da noch ein wenig Empathie auf, aber das scheint mir eher das letzte Zucken vor dem moralischen Tod zu sein.

Der eine will Ankerzentren, der andere Auffanglager in Nord-Afrika, der Dritte will gar nichts, außer keine Flüchtlinge und der Vierte glaubt tatsächlich, dass ein Einwanderungsgesetz etwas bewirken würde. Und hier und da, wenn man genau hinhört, vernimmt man ein zartes Stimmchen, welches „Fluchtursachen bekämpfen“ flüstert. Nicht zu laut, das ist klar, sonst käme noch einer auf die Idee und fragt da genauer nach.

Jetzt scheint die Sache mit den Fluchtursachen aber tatsächlich in den sozialen Medien angekommen zu sein. Man sitzt wie das Kaninchen vor der Schlange vor seiner Timeline, aktualisiert wie blöde und hofft, dass die Medien oder die Timeline mal irgendeinen Vorschlag eines Politikers zur Fluchtursachenbekämpfung auswerfen. Die Hoffnung stirbt ja bekanntlich zuletzt, aber es beschleicht mich der leise Verdacht, dass da auch weiterhin nichts kommen wird.

Die Medien verweigern sich

Aber wir haben ja den Schrecken aller Regierenden, das fleischgewordene Damoklesschwert der Politiker, auf unserer Seite: Die Medien! Die werden die Politik schon mit der Nase drauf stoßen und denen so richtig einheizen. Einen Scheiß tun die! Die arbeiten sich seit Wochen an der bayrisch-preußischen Schmonzette „Crazy Horst gegen den Rest der Welt“ ab. Und wenn der Bundeshorst mal nicht freidreht, dann gibt es ja immer noch den Trump. Hier und da gibt es mal einen konstruktiven Kommentar eines ehemaligen Politikers oder einer der letzten verantwortungsbewussten Journalisten zum Thema Fluchtursachen, das war es aber auch schon.

Stellt sich die Frage, warum das Thema überhaupt nicht angegangen wird. Die Antwort ist relativ simpel: Weil die Medien, wenn sie so etwas bringen, das auch konsequent zu Ende denken müssten. Und das haben sie, da bin ich mir sicher, auch schon getan. Die Story dazu bringt nur keiner, weil wir – ja, wir, nicht die Politiker, nicht die Journalisten, sondern wir Bürger – das gar nicht hören oder lesen wollen. Wir müssten nämlich unser Konsumverhalten nicht nur überdenken, sondern auch rigoros ändern. Höher, weiter, schneller, mehr, das alles wäre vorbei. Die Bürger und die Wirtschaft der hochentwickelten Länder sind es, die den Menschen in den sogenannten „Dritte-Welt-Ländern“ die Lebensgrundlage rauben.

Konzerne sind die neuen Kolonialmächte

Die vorherrschende Praxis aus der Kolonialzeit, nämlich die Kolonien auszubeuten, hat ja mit der Entlassung in die Unabhängigkeit nicht aufgehört. Früher waren es Kolonialmächte, heute sind es die Global Player der Wirtschaft. Falls da mal eine Regierung nicht so mitspielen möchte, dann findet sich immer schnell eine Rebellengruppe, die man mit Waffen unterstützen kann. Und wir leisten dem Ganzen Vorschub, indem wir immer noch mehr und noch bessere Konsumgüter verlangen.

Aber es kommt ja noch schlimmer. Nicht nur, dass wir die Rohstoffe dieser Länder ausbeuten. Nein, wir werfen auch noch unsere subventionierten Überschussproduktionen auf den afrikanischen Markt, damit der letzte Liter überflüssige Milch auch noch ein paar Cent abwirft. Dass wir damit vielen einheimischen Betrieben das Wasser abgraben, nehmen wir billigend in Kauf. Unsere Aktionäre wollen schließlich eine ordentliche Dividende, was sind denn da im Bergleich schon ein paar Arbeitsplätze in Afrika?

Hand aufs Herz: Wer achtet denn wirklich drauf, welche Produkte letztendlich von der Fa. Nestlé vertrieben werden und boykottiert diese? Herrscht nicht eher in unseren Köpfen der Gedanke vor, dass es uns egal sein kann, ob Nestlé dort die Wasserpreise in die Höhe treibt, wo sie die Wasserrechte gekauft haben?

Wenn die Menschen in diesen Ländern aber keine Lebensgrundlage mehr haben, ist es ihnen wirklich zu verdenken, wenn sie sich dahin auf den Weg machen, wo die Überlebenschancen ungleich höher sind? Ich weiß nicht, wie es Euch geht, aber wenn ich irgendwo leben würde, wo es meiner Familie nur dreckig ginge und keine Aussicht auf Besserung bestünde, würde ich auch meine Zelte abbrechen und mir einen besseren Platz suchen.

„Wir können nicht alle bei uns aufnehmen“, hat Andrea Nahles Ende Mai gesagt. Das ist das Schöne an der Politik: Man bekommt Antworten auf Fragen, die man gar nicht gestellt hat. Selbst der fundamentalste Grüne hat das niemals gefordert. Wir können aber mit all unserem Wissen und all unserem Geld dafür sorgen, dass den Menschen in den Entwicklungsländern eine lebenswerte Zukunft in Aussicht gestellt wird. Und ein Einwanderungsgesetz, welches regelt, welche Menschen mit welchen Qualifikationen bei uns einwandern dürfen, ist da absolut kontraproduktiv, wenn wir denen die wenigen Fachkräfte, die sie haben, auch noch wegnehmen.

Wir allein haben es in der Hand

Solange aber in unseren Köpfen die Meinung vorherrscht, dass unser Leben erst dann lebenswert ist, wenn wir in jedem Zimmer einen 49“-Flatscreen hängen haben, jedes Familienmitglied über 18 ein Auto sein eigen nennen kann und mindestens einmal pro Jahr das neueste Smartphone her muss, sorgen wir selbst dafür, dass sich immer mehr Menschen auf den Weg nach Europa machen. Unser Konsumverhalten beeinflusst die Konzerne. Wir Bürger sind es, die das Gewissen für diese Konzernchefs sein müssen. Auf die Konzerne brauchen wir nicht zu hoffen und ich befürchte, auf die Politik ebenso wenig.

Das Beitragsbild oben stammt von der Tagesschau.

Published inZeitgeschehen