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Wann ist Rassismus tatsächlich Rassismus?

Ich wollte eigentlich zu dem Thema Özil nichts mehr schreiben. Ich glaube, bis auf den Papst, dem Dalai-Lama und natürlich Jogi Löw hat sich wohl auch jeder schon mehr oder weniger intelligent zu Wort gemeldet.

Man kommt aber ja in diesen Tagen nicht an dem Thema vorbei und das Statement von Özil hat die Rassismus-Debatte ja auch noch einmal mal ordentlich befeuert. Bei diesen Tausenden von Kommentaren haben die meisten Menschen aber irgendwie verpeilt, worum es eigentlich beim Thema Rassismus geht.

Ganz klar und in aller Deutlichkeit: Wer Mesut Özil, Emre Can, Antonio Rüdiger oder Jerome Boateng wegen einer schlechten Leistung auf dem Fußballplatz kritisiert, ist kein Rassist! Wer Mesut Özil und Ilkay Gündogan wegen des Fotos mit Erdogan kritisiert, ist ebenfalls kein Rassist. Wer Mesut Özil kritisiert, weil er bzgl. der Fotoaffäre zu lange geschwiegen hat, ist auch kein Rassist. In all diesen Fällen würde ein Mensch wegen eines bestimmten Verhaltens kritisiert und das ist vollkommen legitim und hat mit Rassismus überhaupt nichts zu tun.

Wenn ein Mensch allerdings wegen seiner Hautfarbe, seiner Nationalität oder seiner Religion kritisiert wird, dann ist das sehr wohl Rassismus. Da vor allem bei der Person Mesut Özil sowohl von den „Fußballfans“ als auch von gewissen Medien im Vergleich mit anderen Nationalspielern immer wieder andere Maßstäbe angelegt wurden, kann man durchaus auch rassistische Motive dahinter vermuten.

Es ist absolut irrelevant, ob ein Nationalspieler nach Mekka gepilgert ist oder bei der Nationalhymne mitsingt. Oliver Kahn hat auch nie die Nationalhymne mitgesungen und war trotzdem einer der besten Torhüter der Welt und es hat auch nie jemand in Zweifel gezogen, ob Oliver Kahn denn wirklich zu einhundert Prozent hinter der deutschen Nationalmannschaft steht.

Es gab und gibt sehr viele differenzierte Kommentare in den sozialen Medien und der Presse, aber es gab auch Unmengen von rein rassistisch motivierten Kommentaren. Allen voran, zumindest was man so Internet mitbekommt, diese bedruckte Papier mit den vier Buchstaben.

Aber, und das möchte ich auch ganz klar herausstellen: Auch wenn Mesut Özil das subjektiv als sehr schlimm empfunden haben mag, er hat der wichtigen und notwendigen Rassismus-Debatte damit einen Bärendienst erwiesen. Denn trotz allem ist Mesut Özil privilegiert. Er hat ein Talent, was nicht viele Menschen auf der Welt haben und verdient deswegen sehr, sehr viel Geld. Ja, er wurde von vielen Menschen auf „den Türken“ oder „den Muslim“ reduziert, was erbärmlich ist. Ob er aber wirklich im tagtäglichen Leben mit Rassismus konfrontiert wird, wage ich sehr stark zu bezweifeln. Und deswegen wird jetzt eine Debatte geführt, die an den tatsächlich vorhandenen Problemen, welches der Alltagsrassismus in Deutschland und in Europa mit sich bringt, weit vorbeigeht.

Ein Mesut Özil muss sich keine Gedanken darüber machen, wie seine Bewerbung bei einem potentiellen Arbeitgeber ankommen mag, wenn sie mit einem türkisch oder arabisch klingenden Namen unterschreiben ist. Er muss sich ebenso wenig Gedanken darüber machen, wie die verstohlenen und abwertenden Blicke der anderen Eltern beim Infotag zur Einschulung zu deuten sind. Gleichwohl ist der Kauf eines Hauses in Hampstead für einen Fußball-Millionär ungleich einfacher als die Anmietung einer Wohnung durch einen Türken in Deutschland.

Wenn man dann zu allem Überfluss auch noch die „falsche“ Hautfarbe hat, wird es manchmal richtig bitter. Da wird man gerne mal im Firmenfahrzeug von der Polizei über Gebühr lange angehalten und befragt. Oder die Menschen wechseln die Straßenseite oder verlassen ein Lokal gar ganz, wenn man es betritt. Oder man wird, wenn man im Zug in der 1. Klasse sitzt, darauf hingewiesen, dass man dort nichts verloren hätte.

Der Rassismus ist wieder salonfähig geworden in Deutschland, da gibt es überhaupt keine Zweifel. Ob ein Mesut Özil aber von einem wie in den letzten beiden Absätzen beschriebenen Rassismus in den letzten 10-12 Jahren betroffen war, darf doch stark bezweifelt werden. Und deshalb verwässern seine, aus seiner Sicht sicher zutreffenden, Vorwürfe, die eigentlich dringend notwendige Diskussion, die geführt werden muss, damit es auch in den letzten Köpfen ankommt, dass wir wirklich ein massives Rassismus-Problem haben.

Published inZeitgeschehen