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Unsere Kultur geht den Bach runter!

Sollte die Überschrift irgendwelchen Anhängern des Rechtspopulismus in freudiger Erwartung einer späten Einsicht meinerseits den Blutdruck in die Höhe gejagt haben, kann ich nur sagen: „Kollegen, legt Euch wieder hin, der Text hier bezieht sich nicht auf Ausländer!“

Nein, für den Niedergang unserer Kultur brauchen wir keine Hilfe von außen, das kriegen wir auch allein hin. So richtig aufgefallen ist mir das bis vor kurzem eigentlich immer nur bei Diskussionen, in denen es um Flüchtlinge, Migranten usw. ging. Die Art und Weise, wie dort „diskutiert“ wird, lässt ja schon seit längerer Zeit jeglichen Anstand und Moral vermissen. Das gilt auch für diejenigen, die sich gegen die Rechten einsetzen. Da wird man auch schnell und gerne mal persönlich und geht unter die Gürtellinie, wenn es denn hilft, seinem Standpunkt ausreichend Gewicht zu verleihen.

Dass dieser Verfall der Diskussionskultur themenmäßig weitaus verbreiteter ist als ich gedacht habe, habe ich am vergangenen Wochenende registrieren müssen. Rund um Düren fand am Wochenende eine Aktion der „Ende Gelände Bewegung“ statt. Meine Haltung dazu ist für diesen Text hier irrelevant und steht deshalb auch nicht zur Debatte. Das Thema Hambacher Wald bzw. Kohleausstieg geistert ja schon seit längerem durch die sozialen Medien und wird kontrovers behandelt.

Kontroverse Diskussionen sind grundsätzlich immer zu begrüßen. Das, was da im Netz aber abgeht, hat in den seltensten Fällen etwas mit Diskussion zu tun. Sicher, jeder hat eine Meinung und natürlich auch das Recht, diese kundzutun. Beleidigungen, Gewaltandrohungen oder der Wunsch, das bestimmten Personen, die eine Meinung nicht teilen, etwas zustoßen möge, als Ersatz für Argumente einzusetzen sind aber nur ein Zeichen dafür, wie degeneriert unsere Gesellschaft mittlerweile ist.

Wir waren einmal das Volk der Dichter und Denker, dank der sozialen Medien sind wir, zumindest virtuell, zum Volk der Richter und Henker geworden. Es zählt nur und ausschließlich die eigene Meinung und wer die nicht teilt, wird abgeurteilt und das Urteil wird auch sofort bei Facebook, Twitter usw. vollstreckt.

Wer einem RWE-Angestellten unterstellt, dass ihm die Umwelt egal sei und er demzufolge ein Umweltmörder sei, hat von Diskussionskultur genauso wenig Ahnung wie derjenige, der dem Sonderzug mit Ende-Gelände-Aktivisten eine direkte Weiterfahrt nach Auschwitz empfiehlt. Wenn das, was in den sozialen Medien abgesondert wird, im tatsächlichen Leben geäußert würde, würden unsere Medien längst über Straßenschlachten berichten.

Ausführliche Argumente haben im Informationszeitalter keinen Platz mehr. Zu viel Text erfordert offensichtlich auch viel Zeit, und wenn es nur die reine Lesezeit ist. Kurze, knackige Aussagen, welche die ganze Abscheu des Verfassers gegenüber einem Statement oder einer Person verdeutlichen, generieren Likes. Likes sind anscheinend die neue virtuelle Währung. Für 100 Likes gibt es zwar immer noch kein Brötchen beim Bäcker, aber man darf sich wichtig und bedeutend fühlen. Wenn dabei einer Frau gewünscht wird, sie möge doch von einem Goldstück mal so richtig rangenommen werden, dann muss sie das eben hinnehmen. Es hat sie ja keiner gezwungen, eine andere Meinung zu vertreten.

Die sozialen Medien sind eigentlich eine schöne Sache. Ich habe durch Facebook ganz tolle Menschen kennengelernt, die mir heute wirklich fehlen würden. Aber man muss auch sagen, dass Facebook und Co. den Stammtisch zwar nicht ersetzt hat, aber die Teilnehmerzahl am Stammtisch von 4-5 auf mehrere Tausend erhöht hat. Die sozialen Medien haben dafür gesorgt, dass selbst der klassische Stammtisch globalisiert wurde. Da der Stammtisch 2.0 aber ja schön anonym ist, sind Ton und Wortwahl heftiger, oftmals sogar unerträglich, geworden.

Von der Solidarität untereinander haben wir uns vor längerer Zeit schon verabschiedet, jetzt werfen wir gerade Anstand und Moral über Bord. Wenn ich für unsere Gesellschaft einen Wunsch frei hätte, würde ich mir wünschen, dass die sozialen Medien jetzt sofort abgeschaltet und nie wieder online gehen würden. Wir müssten dann zwar wieder Zeitung lesen oder uns über das Fernsehen oder in persönlichen Gesprächen informieren, aber damit sind wir bis 2010 doch auch ganz gut gefahren. Und vielleicht hätten dann die Dichter und Denker auch wieder bessere Chancen.

Published inZeitgeschehen